|
|
 |
M I T 8 7 J A H R E N N O C H F I T W I E E I N T U R N S C H U H Trotz Schlaganfall oder Knieverletzung – Senioren trainieren bei der BSG Stade Von Susanne Laudien
Ihren inneren Schweinehund müssen sie nicht überlisten, um Sport zu treiben: Mit viel Freude und großem Elan trainieren zwischen 50 und 60 Senioren jeden Montag in der Gymnastikgruppe der Behinderten-Sportgemeinschaft Stade e.V. (kurz BSG). Insgesamt zählt der Sportverein 174 aktive Mitglieder in den Sparten Schwimmen, Reha-Sport, Bosseln, Kegeln, Wandern, Nordic-Walking, E-Rollhockey und Gymnastik. Viele der Aktiven sind schon seit über 20 Jahren dabei – und verraten hier warum. Lange Trainingshose, Turnschuhe und leuchtend gelbes Trikot – Klaus Prigge ist gewappnet für den Gymnastik- Abend von 19 bis 21 Uhr. Sein hohes Alter und auch seine Behinderung, ein steifer Arm als Folge einer Kriegsverletzung, die er sich mit 17 Jahren zuzog, merkt man dem 87- Jährigen aus Stade - Hagen nicht an. Lässig legt er sich auf die blaue Bodenmatte. Neben ihm streckt sich seine 83-Jährige Ehefrau Annemarie, mit der er seit 23 Jahren jeden Montag zur Gymnastik vom BSG kommt. „Ich fühle mich fit wie ein Turnschuh“, scherzt er und macht dabei ganz locker die Bodenübungen mit, die Übungsleiterin Gitta Kappelmann vorgibt. Trotz sommerlicher Schwüle mit 27 Grad Wärme sind an diesem Abend immerhin 46 Sportive in die große Sporthalle des Stader Gymnasiums Athenaeum gekommen, die nach der allgemeinen Aufwärmphase jeweils 20 Minuten in den drei Bereichen Boden- , Hocker- und Steh-Übungen etwas für sich und ihren Körper in der Behinderten-Sportgemeinschaft tun. Ihr Durchschnittsalter ist 62 Jahre. „Menschen scheuen häufig das Wort Behinderung“ bemerkt der erste Vorsitzende Hans-Peter Maack aus Jork, der als leidenschaftlicher Kegler auch Leiter der BSG- Kegel-Abteilung ist. „Ich spreche lieber von Handicap“, sagt der 61- Jährige. Er weiß, wovon er spricht. Nach einer schweren Tumorerkrankung am Bein wurde er mit 45 Jahren Frührentner. Mit Kegeln, Bosseln und Schwimmen hielt er sich fit, wurde Übungsleiter bei der BSG und übernahm 2003 den ersten Vorsitz. Soeben kommt er mit seinen BSG-Keglern von der 28. Deutschen Meisterschaft in Stralsund, bei der sie nur knapp den Meistertitel verpassten und somit Vizemeister wurden. „Wir fangen da an, wo andere Vereine aufhören“, erklärt Maack – und meint damit nach einem Schlaganfall, Krebserkrankung, Bandscheibenvorfall, Arthrose, Diabetes und viele andere Erkrankungen. Nach 20 Minuten Bodenübungen wechseln Klaus und Annemarie Prigge in die Hocker-Gruppe. Jeder kann selbst entscheiden, in welcher Gruppe er als nächstes weitermachen möchte. In der Runde sitzt auch die 72-Jährige Erika Holzkamp aus Stade und massiert ihre Schulter gegen Verspannungen, genau so, wie es Übungsleiter Uwe Diekers vormacht. Auch er kam aufgrund gesundheitlicher Probleme. Seit 17 Jahren macht Erika Holzkamp hier Gymnastik, trotz oder gerade wegen ihrer Operationen und zwei neuer Kniegelenke. “Ich habe immer gerne Sport gemacht, ich fühle mich jetzt wieder fit und schätze auch vor allem die Gemeinschaft.“ Das bestätigt auch Litty Frahnert, die mit ihren 83 Jahren gerade Dehnübungen an der Wand macht. Sie hat Probleme mit ihrem Rücken und den Knien. „Das hilft, ich fühle mich nach dem Sport viel vitaler und kann mich besser bewegen“, erzählt die Staderin. Bei den Stehübungen ist heute Übungsleiterin Karin Welsch die „Vorturnerin“. Sie ist eine der insgesamt sieben Übungsleiter, die im Wechsel jeweils zu dritt an einem Abend die Übungsbereiche leiten, mit denen die Muskulatur, die Gelenke und die Kondition gestärkt werden. Die 53- Jährige kam vor zwölf Jahren nach einer schweren Erkrankung über eine Reha-Maßnahme zur BSG, machte später den Übungsleiterschein und hilft jetzt anderen, mit gezielter Gymnastik ihre Leiden besser in den Griff zu bekommen. Außerdem stärken regelmäßige Ausfahrten, etwa nach Borkum, Holland, Mühlhausen, Prag, Dresden oder zum Weihnachtsmarkt nach Lübeck das Gemeinschaftsgefühl der Sportgruppe. „Der Bus ist immer voll“, berichtet Hans-Peter Maack, dessen Ehefrau Monika ebenfalls bei allen Aktivitäten dabei ist. Auffällig : Zwei Drittel der Sportler sind Frauen. „ Männer sind schwerer vom Sofa wegzuholen“, erklärt Maack. Nach den sportlichen Übungen setzen sich immer noch alle für mindestens eine halbe Stunde in geselliger Runde zusammen. Danach verabschieden sich Klaus und Annemarie Prigge:“ Tschüs, bis morgen!“ Denn am nächsten Abend treffen sich die meisten aus ihrer Gruppe bei der BSG-Wassergymnastik im Solemio wieder.
|
 |